Nachdem Paul Heyse, wie er in einem Brief vom 25. Dezember 1854 an Fontane schrieb, „mit tiefer Bewegung“ dessen neue Ballade Archibald Douglas gelesen hatte, bat er seinen bei ihm in München zu Besuch weilenden Schwiegervater Franz Kugler, den Berliner Freund zur Abfassung einiger Balladen über bayerische Stoffe zu ermutigen. Es war der Wunsch des bayerischen Königs Max II. Joseph, solche Balladen entstehen zu sehen, wobei der Monarch wohl zunächst nicht an Fontane, sondern an eines der von ihm sorgsam gepflegten „Nordlichter“ dachte. Heyse ergriff daraufhin die günstig scheinende Gelegenheit, Fontane, von dessen besonderem Talent für die Ballade er überzeugt war und den er schon damals gern nach München gezogen hätte, zu protegieren. Dieser antwortete unter dem 4. Februar des folgenden Jahres auch keineswegs ablehnend: „Nun zu den königlich-bayrischen Balladenstoffen. Ich bin für jeden Balladenstoff dankbar, und wenn er aus Lichtenstein und Vaduz wäre, was könnt' ich gegen einen Königlich-bayrischen einzuwenden haben! Das wichtigste bleibt zunächst, ihn überhaupt haben, ihn sehen, dann sehen wir weiter. [...] Bitte, befahre Du die Schächte bayrischer Archive, ich will dann münzen und prägen, so gut ich kann.“
Dabei blieb es indes zunächst, und auch Fontanes Aufenthalte in München 1856 und besonders 1859, als seine Anstellung als Bibliothekar des Königs ernsthaft angestrebt wurde, schien daran nichts geändert zu haben. Erst vor kurzem erschienenen in den „Fontane-Blättern“ die bisher unbekannten bayerischen Balladen des märkischen Dichters, die hier in nochmals überprüfter und erweiterter Form ein zweites Mal mitgeteilt werden. Fundort des kostbaren Konvoluts war eine Depositenkammer der Berliner Humboldt-Universität, wo eine Isarland beschriftete verstaubte Mappe offensichtlich seit längerem aufbewahrt wurde. Schräg über das Rautenmuster des Umschlags läuft der lapidare Vermerk „Gesehen. Ad acta. Gustav Roethe“. Mithin ist nicht auszuschließen, daß Fontane zeitweilig auch an Wanderungen im süddeutschen Raum gedacht hat und Germanisten der sogenannten „Berliner Schule“ vor der zumindest partiellen Unterdrückung des dichterischen Gedankenguts nicht zurückschreckten. Herrn Professor Dr. Peter Wruck ist für die freundliche Vermittlung, dem Theodor-Fontane-Archiv Potsdam für die Erlaubnis zum Wiederabdruck zu danken.
Eugen von Leuchtenberg
1. Wie Eugène nach Moskau kam
Ein freier Geist, im Wandel treu,
Der Vater, Graf und General,
Der fremde Mann, der Bonapart,
In München, in der Residenz,
Man braucht für einen Königsthron |
2. Wie Eugen nach Eichstädt kam
Napoleon retirierte,
Da kam ein Herr Thurn-Taxis,
Bei Leipzig und bei Belle-Alliance
Am Ostseestrand, ich war ein Kind,
Wünscht man den Ehrgeiz schmächtiger
|
Auf der Rückseite einer Speisekarte des als preiswert bekannten Münchner Hotels Augsburger Hof (wo Fontane logierte) vom 19. März 1859, möglicherweise unter dem Eindruck seiner am selben Tage erfolgten Audienz bei König Max II. Joseph entstanden. Handschrift in flüchtigem, großzügigem Duktus, einige nicht sicher entzifferbare Zeilen mit Hilfe der von Walter Hettche entwickelten Technik der Intuitionsphilologie rekonstruiert. Im Lautstand unveränderte, dem heutigen Sprachgebrauch (unter Beibehaltung der alten Rechtschreibung) behutsam angenäherte Wiedergabe. Fontanes in der Ballade offen geäußerte Anpassungsbereitschaft an weiß-blaue Verhältnisse blieb unbelohnt. Über Gewährsmänner im „Krokodil“ in die Umgebung des Monarchen einpassiert (was freilich nicht belegt ist), mochten ihm die Verse wegen ihres Desinteresses in bezug auf die Nichtebenbürtigkeit des Leuchtenbergers bei seinen Bemühungen um Anstellung als königlicher Bibliothekar und Vorleser sogar zum Nachteil gereicht haben. Vgl. hierzu auch Vor dem Sturm, General Bamme: „Ich mache mir nichts aus diesen Windbeuteln von Franzosen, aber in all ihrem dummen Zeug steckt immer eine Prise Wahrheit. [...] Mensch ist Mensch.“ (HF I, 3, 706 = Hanser-Fontane-Ausgabe, Abteilung, Band, Seite) Fontane, der den Sohn der Josephine de Beauharnais bewunderte, war nicht im selben Maße wie dieser „Fortunas Diplomat“. Die problematische Neigung der Literaten, alles, was sie empfinden, auch auszudrücken, war ihm immer wieder im Wege.
Historische Personen und Zusammenhänge hat Fontane dichterisch frei behandelt und sich gelegentlich wohl auch nicht völlig zuverlässiger Informationen bedient. So wurde das Palais Beauharnais, auf das er anscheinend anspielt, erst 1803 von Eugène de Beauharnais erworben und im Stil des Empire renoviert und ausgestattet (seit 1817 Sitz der preußischen Gesandtschaft, später der deutschen Botschaft in Paris). Auch ist unwahrscheinlich, daß er Baron Darnays Notices historiques zur S.A.R. le Prince Eugène, Vice-Roi d'Italie tirèes 25 exemplaires, Paris 1830, selbst kennengelernt hat. Er stützte sich vermutlich auf seinen Vater, dessen Wissen, was „französische Kriegs- und Personal-Anekdoten aus der Zeit von Marengo bis Waterloo“ anbetraf, „geradezu stupend“ war. „Wo er alles herhatte, ist mir rätselhaft.“ (HF III, 4, 91). Wenn sich die Möglichkeit zum Spiel mit einem Namen bot, hat Fontane, wie von ihm nicht anders zu erwarten ist, sogleich zugegriffen. So ist etwa die Wendung „im Schein des Monte Rosa“ sicherlich als eine Anspielung auf „Leuchtenberg“ zu verstehen, in der Realität findet sie kaum eine Entsprechung, denn der Berg ist wegen der zumeist über der Ebene ausgebreiteten Dunstglocke von Mailand aus nicht sichtbar. Der Kommentar kann darauf ebenso wie auf die zahlreichen Anspielungen und Vorausdeutungen auf fremde und eigene Werke nur knapp hinweisen. Zweideutiges ist grundsätzlich unkommentiert geblieben. Dem Pflug künftiger Interpreten eröffnet sich, metaphorisch gesprochen, ein geräumiger Acker. Besonders dürfte interessieren, daß Fontane in Meine Kinderjahre, wo er so viele Persönlichkeiten aus dem Umkreis Napoleons namhaft macht, gerade Beauharnais, seinen „Liebling“, wie wir jetzt wissen, nicht erwähnt - ein weiteres Beispiel für die zuerst von Anderson beobachtete „Versteckspielmethode“?
König Ludwig und Lola Montez
I. Audienz
Herr Ludwig herrscht am Isarstrand
Sein Bilderschatz von Stielers Hand,
Das spürt' die falsche Spanierin
Sie kommen nie alleine, |
Sie nahmen keinen Schaden,
Da mahnte mild der Kardinal
Und gab beglückt und ohne Eil' |
II. Die Gräfin Landsberg
Wie wurde den Philistern
Rundum, mit manchem Judaskuß,
Um Lola scharte sich ein Corps
Der Bayernlöwe brüllte |
Zuletzt das Frauenzimmer
Des Lesers Tränen quillen -
Davon sei nächstens mehr erzählt |
Die ebenso aufschlußreiche wie drastische Bearbeitung der vom Dichter wiederholt behandelten Problematik der Fürstengeliebten ist eingangs mit Motiven aus den Liedern über preußische Feldherrn verbunden. Zur Verleihung des Grafentitels vgl. besonders Cécile, Gordon-Leslies vielsagende Bemerkung: „Denn Gräfinnen werden sie schließlich alle. [...]“ (HF I, 2, 182) In solchem Zusammenhang ist auch Gordon-Leslies Bemerkung zu beachten, er entsänne sich noch „des Eindrucks, den der Kopf der Lola Montez“ auf ihn gemacht habe. Die das Bildnis der Maria Stuart betreffende Faszination (die Cécile zu büßen hat) teilte unser Autor mit seiner Romanfigur, die Erinnerung an früher Gesehenes, die den Angelpunkt des Romans bildet, äußerte sich auch in dieser scheinbar beiläufigen Bemerkung. Die Wege Fontanes und Maria Dolores Gilberts [i. e. Lola Montez], späteren Gräfin Landsberg, haben sich wiederholt gekreuzt, wenngleich eine persönliche Bekanntschaft bisher nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden konnte, s. das Londoner Tagebuch vom 17. Juni 1858: „Dr. Faucher getroffen“, der mich dem Schauspieler Loewenthal vorstellt. Dann mit Faucher nach 34 Essex Street um Lola Montez aufzusuchen. Dann in's Café Divan. [...]“ Mutmaßlich hat die umstrittene Künstlerin bereits 1843 in Dresden die Aufmerksamkeit des jungen Apothekers erregt. Man weiß ja, daß er sich damals allerlei Anfechtungen ausgesetzt sah. Der burschikose Ton des Gedichts - „Cécile verblaßt neben dieser Lola zu einem wasserpolnischen Waisenkind“ (G. Friedrich) - läßt als sicher annehmen, daß es die endgültige Prägung erst erhielt, als Fontane seine auf Bayern bezüglichen Pläne bereits aufgegeben hatte und sich im Berliner Freundeskreise keinen weiteren Zwang auferlegte. Dazu paßt auch das halbe Versprechen des „Causeurs“, sich dereinst dem Roman zuzuwenden. „Seit 20 Jahren redet man auf mich ein: ,schreibe Deinen Roman.`“ (An Emilie 18.8.1874, Große Brandenburger Ausgabe, Ehebriefwechsel, Bd. 3, S. 17) Heyses Vorhaben, den aus England heimgekehrten, in Berlin noch unversorgten Dichter als „Nordlicht“ in München unterzubringen, war endgültig mißlungen.
„Sisi, komm!“ oder Die Ischler Verlobung
Tief im stillen Bayernlande,
Sisi hieß sie. „Sisi, komm!“
Von den Plänen ihrer Mutter,
Ihm zu seinem Wiegenfeste
Welch ein Fest! Der junge Kaiser,
Einem Kaiser gibt man keinen
Wünschen wir dem edlen Paare, |
Das in Trochäen verfaßte Sisi-Gedicht, in der vorliegenden Fassung offensichtlich wie König Ludwig und Lola Montez für den Berliner Freundeskreis bestimmt, darf als die eigentliche Überraschung des unverhofften Balladenfunds gewertet werden. Freilich wird der Tieferblickende unschwer verstehen, daß auch F. sich zuletzt des von Platen und Heine, seiner bewunderten Vorbilder, souverän gehandhabten Versmaßes bemächtigte. Die erste stoffliche Anregung empfing der Dichter mutmaßlich während seines mehrtätigen Aufenthalts in München 1856, der auch einen Ausflug in die weitere Umgebung einschloß. „Nach Sternberg. Reizende Fahrt über den See. In Seeshaupt ,Brenken‘ gegessen.“ (Tagebuch, 9.10.1856) Kaiser Franz Josephs vielbeachtete Verlobung mit der wittelsbachischen Prinzessin Elisabeth, Herzogin in Bayern, lag damals erst drei Jahre, die Hochzeit erst zwei Jahre zurück. Fontane vermeidet den Tonfall konventioneller Huldigung; bemerkenswert die - noch ohne nähere Kenntnis der die Ehe des Kaiserpaares schon bald überschattenden Ereignisse - ingeniöse Vorahnung, die sich in der Schlußwendung ausspricht, einer frühen Vorwegnahme des berühmteren: „Effi, komm!“
Die Wasserfrau (unvollendet)
Heut sing' ich von der schönen Lau,
Die Arme kreuzweis auf der Brust,
Ihr Mann, der alte Donaunix, |
Einst als vom Kloster Orgelklang
Da packte ihn das arge Weib
Nun sagt man, daß der blaue Topf |
Das Gedicht bricht unvermittelt ab. Am Rande die unlustige Bemerkung: „Was soll der Unsinn? Paolo sagt, Blaubeuren läge bereits im Württembergischen.“ Inhaltlich folgt Fontane, gelegentlich sogar in der Wortwahl, Mörikes Prosaerzählung im Stuttgarter Hutzelmännlein, allerdings mit einem bemerkenswerten Unterschied. Bei Mörike nimmt die Lau den Hirtenjungen mit, um ihn zu bestrafen, Fontane hingegen führt das Motiv der Langeweile ein. Nicht zufällig erinnert die Formulierung „zum Zeitvertreib“ an Spielhagens gleichnamigen Roman über den auch von Fontane behandelten Ardenne-Stoff. Die dritte Strophe ist mit Tinte kräftig durchgestrichen (es sind sogar einige Tintenspritzer sichtbar).
Heyse hatte natürlich recht, als er den Freund darauf hinwies, daß das Kloster Blaubeuren bereits 1648 endgültig an Württemberg gekommen war. Man weiß in Berlin zuwenig von Süddeutschland. Gleichwohl hat der vorschnelle Hinweis leider bewirkt, daß eine erste Behandlung des Melusinen-Themas durch Fontane unvollendet blieb. Den Dichtern schadet Wissen oft nur. Auch als Fontane den bayerischen Löwen bis hin zur (schwäbischen) Alb anstatt zu den Alpen brüllen ließ, irrte er im historisch-geographischen Sinne, gleichwohl ist der Fehler der gewählten Form zugute gekommen.
Am 7. Oktober 1856 (Tagebuch) besuchte der Dichter die Theresienwiese.
Einzug in die Festwiese
Golden die Herbstessonne scheint,
Die Sonne scheint nicht nur am Husumer Deich,
Wer kommt, wer?
Selbst Rektor Thiersch räumt heute das Katheder, |
Die Arbeit an dem Gedicht war, wie der Wechsel im Versmaß zwischen der dritten und vierten Strophe und das Auftauchen im gegebenen Zusammenhang nicht zu vermutender Personen zeigen, wohl nicht abgeschlossen. Auch die zugrunde liegende Intention wird noch nicht vollends deutlich. Erkannte Fontane im Theresienwiesen-Rausch 1856 wie im Wilhelm-im-(weiten)-Felde-Rausch 1871 ein einigendes Element der nationalen Leitkultur oder wollte er vielmehr eine separate bayerische Leitkultur ins Licht setzen? Mit vermehrter Entschiedenheit läßt sich jedoch nunmehr Willi Winkler entgegnen, der in einem im Dichtergedenkjahr 1998 in der „Süddeutschen Zeitung“ erschienenen Artikel von Hohenzollernhörigkeit schrieb (und im Preußenjahr 2001 erneut zur Feder zu greifen versucht sein könnte!). Auf das vielzitierte „Bon soir, Messieurs, nun ist es genug“, im dritten der Berliner Einzugsgedichte (HF I, 6, 246), Friedrich II. in den Mund gelegt, der es vom Denkmal herab den siegreich heimgekehrten Truppen zuruft, fällt neues Licht. Es war eine geglückte Formulierung, die es erlaubte, die Mahnung in der Anerkennung mitzudenken. Aber darf man solche Weitsicht auch Permaneder zutrauen? Tony Buddenbrook hätte es schwerlich getan.
Bruchstückhaft wirkt ein weiteres, mit „Die Prozession in der Ludwigstraße“ etwas unsicher betiteltes Gedicht, das wohl auch Eindrücke einer Parade und eines Volksfests verarbeitet. Wie in Edinburgh an den kiltbewehrten Highlandern, so findet Fontane in der Münchner Prachtstraße an den kernigen bayerischen Soldaten Gefallen. Für den „Zauber der Montur“ ist der Dichter stets anfällig gewesen. In der Stadt des hl. Korbinian verbindet sich diese Faszination nicht zufällig mit jenem leise katholisierenden Element, auf das die Forschung erst in jüngster Zeit aufmerksam geworden ist.
Die Prozession in der Ludwigstraße
Sie werden standhaft sein, es kräftigt sie der Glaube,
Sanft wie ein Page führt das Aspergill ein Hofkaplan,
Wie fühl' ich mich geteilt! Ein Brieffreund der Revolte,
Nun folgen Ordensritter aus dem nahen Weyarn,
Studenten seh' ich in verschnürten Röcken schreiten
Die Décadence ist da! Sie scheint unwiderstehlich,
Zuletzt Staccato unter seidenweichem Himmel, |
Das erinnert natürlich an den Deutschen Orden und den Bayreuther Hexenmeister, partiell auch an Joseph Roth! Marcel Reich-Ranicki hat darauf hingewiesen, Fontane und Roth haben in Berlin in derselben Straße gewohnt - und das meint nicht nur die Adresse. Ist denn Der Stechlin nicht auch ein Abschiedsroman wie nur noch der Radetzkymarsch? Zugleich aber sind wir mit diesen Bildern aus der Ludwigsstraße wiederum ganz nah an dem von Storm ob seiner handwerklichen Qualität willen anerkannten, wegen des mangelnden sittlichen Gehalts gleichwohl entschieden abgelehnten, ersten der Berliner Einzugsgedichte („Oberst von Hartmann, fest im Sitze“ usw., HF I, 6, 238). Während seines Besuchs in München 1856 sah Fontane eine Parade, bei der das bayerische und preußische Königspaar sowie das Großherzogspaar von Hessen-Darmstadt zugegen waren (Tagebuch vom 7. Oktober, mit Hinweis auf die Feldherrenhalle und die Denkmäler Tillys und Wredes).
Am folgenden 10. Oktober fuhr er in umgekehrter Richtung, als es sich im Gedicht beschrieben findet, über den Boulevard in Richtung des noch dörflichen Schwabing („durch die Ludwigsstraße und das Siegesthor bis ins Freie“). So hatte er den Blick, der Charles de Gaulle die Worte entlockte: „C'est vraiment une capitale.“
Die fünfte Strophe des Gedichts läßt vermuten, daß Fontane, was bisher nicht bekannt war, Kellers Grünen Heinrich bereits in der ersten Fassung kannte. Bei der phonetischen Fixierung umgangssprachlich verballhornter Fremdwörter („Schwoleschee“) mag Geibel, Schack oder ein anderes Münchner Nordlicht behilflich gewesen sein. Die ästhetisch günstigen Eindrücke, die Fontane 1859 gewann, scheinen übrigens dazu beigetragen haben, daß er die panikartige Flucht der bayerischen Reiterei bei Hünfeld und Gersfeld in seinem Buch Der deutsche Krieg von 1866 in überaus schonender Weise beschrieben hat. „Natürlich soll dergleichen nicht vorkommen; aber (alle Kriege bezeugen es) es kommt immer wieder vor.“ (A. a. O., Bd. 2, S. 86) Die Chevaulègers, leichte Kavallerie, waren der Stolz der bayerischen Armee. In Frankreich bereits unter Napoleon in Chasseurs à cheval oder Lanciers, in Österreich 1852 in Ulanen, in Hessen in Dragoner umgewandelt, blieben sie unter dem alten Namen nur in Bayern (und in Italien als Cavallegieri) bestehen.
Sozialkritische Töne fehlen bei alledem nicht, allerdings vermag Fontane Ludwig Thoma, Ödön von Horvath, Marieluise Fleißer (Pioniere in Ingolstadt) und neuerdings Ernst Maria Lang (Das wars wars das? Erinnerungen, Kap. „Bei den Pionieren in Ingolstadt“, München 2000), was die Intimität soldatischer Amouren anbetrifft, nicht zu erreichen. Zum Vorschein kommt vielmehr, für unvorbereitete Leser möglicherweise verwirrend, jene „bodenlose Objektivität und Ironie“, die, wie Sebastian Haffner formuliert, Fontanes „Eigentlichstes, Eigenstes und Größtes“ gewesen ist (S. Haffner, Theodor Fontane, in: Sebastian Haffner/Wolfgang Venohr, Preußische Profile, Königstein/Ts 1980, S. 122). Sie wird in Entwürfen und frühen Fassungen deutlicher als in abgeschlossenen Texten.
Chevaulégers Irrungen, Wirrungen
Der Menschen ungelenke Glücksversuche,
Stets sind des Mannes Wünsche unbeständig,
Sie hat ein Haar nur um den Strauß gewunden,
Du hast ein Leben Zeit, es zu bereuen, |
Anscheinend sammelte Fontane in Seeshaupt Eindrücke, die denen in Hankels Ablage nicht unähnlich waren und die er später verwertete. Nicht zuletzt aus der Biographie Oskar Maria Grafs wissen wir, daß die Orte am Starnberger See schon früh unter den bedenklichen Einfluß Münchens gerieten. Zu Isabeau, der aus Schillers Drama bekannten Mutter Karls VII. von Frankreich, die aus Bayern stammte, vgl. Irrungen, Wirrungen, 13. Kap. (HF I, 2, 390).
Gelegentlich schreckte Fontane auch nicht davor zurück, fremde Dichtungen, die er bei anderer Gelegenheit respektvoll zitiert, schonungslos zu persiflieren: So verbindet er, der als Kind mit dem polnischen Freiheitskampf so anrührend sympathisiert hatte, ein einst populäres Lied von Julius Mosen (vgl. Unterm Birnbaum, 5. Kap., HF I, 1, 481) mit einer militärischen Begebenheit, die jeglichen Ernstes entbehrt.
Die Schlacht bei Bronzell
Nicht weit von Bonifatius stillem Grabe,
Wir rückten vor, die Bayern retirierten,
Ganz ohne Reiter trabt's dem Feind entgegen, |
Ein Durchgänger, wie Fontane nach Meinung seiner Freunde selbst einer war. Der Dichter hat den historischen Vorgang sehr frei behandelt. Bei dem von ihm wiederholt erwähnten „Bronzell-Tag“ (HF I, 6, 574), der „Schlacht bei Bronzell“ (HF III, 4, 1326), in der Nähe von Fulda am 8. November 1850 war auf preußischer Seite nur der Trompeterschimmel des 10. Husarenregiments verwundet worden. Wie ganz anders „die Polenkämpfe und die Gedichte“ (HF III, 4, 111), die einst von seiner Phantasie so unwiderstehlich Besitz ergriffen hatten. Unvermeidlich wird den Dichtern zuletzt alles zum Stoff. Ein wenig Ressentiment ist allerdings auch zu beobachten: Die Demütigung Preußens in der Punktation von Olmütz, die den jungen Apotheker einst so heftig erregt hatte, wirkt emotional immer noch nach. Wieviel sicherer wußte Bismarck mit Olmütz umzugehen!
Mit einer letzten Überraschung kann nicht länger hintangehalten werden. Fontanes bayerischer Balladenfrühling endet nicht 1859. Nach dreißig Jahren griff er während eines Kuraufenthalts in Kissingen erneut zur Feder.
Berühmte Männer in Kissingen
Im Sommer, wenn unter den Linden kein Lüftchen sich bewegt,
Wenn sommerlich unter den Linden Rauchs Reiterdenkmal gleißt,
Es kam der Graf Tolstoi aus Rußland, der „Anna Karenina“ schrieb,
Ich schreibe hier kleine Gedichte, die hätten Storm
nicht gefallen. |
Fontane verwechselt in diesem Gedicht den Main mit der fränkischen Saale, ein für die Freunde Kissingens peinlicher Lapsus. Er hat Kissingen bereits im Zuge seiner Recherchen über den Mainfeldzug 1866 besucht, und die Erinnerung an sein Buch über den „Deutschen Krieg“ mag den Fehler verursacht haben, wenn nicht, was literaturgeschichtlich allerdings interessanter wäre, ähnlich klingende Verse Heinrich Heines ihn noch nachträglich überwältigten. Deutlicher gegenwärtig ist ihm offenbar Scheffels Roman Ekkehard, den er 1855 tatsächlich besprochen hat, übrigens sehr wohlwollend. Als Kurgast kam er dreimal nach Kissingen, 1889 zunächst allein, 1890 und 1891 von Anbeginn an mit Emilie. Das Gedicht referiert Eindrücke, die sich auch in seinen Briefen aus Kissingen spiegeln. Die letzten Verse spielen auf seine kleine Erzählung Eine Frau in meinen Jahren an, die in Kissingen handelt und auch den 1866 umkämpften Friedhof zum Schauplatz hat. Über seine Darstellung dieses Kampfes hat er in einem fingierten Gespräch reflektiert.
Fontanescher Ehedialog
„Die Preußen, Mila, kamen von Norden, „Ach, Theo!“
„Ich hab' es einst alles genau beschrieben,
„Mein Theo!“
„Die Bayern standen am Uferrand,
„Wirklich, Theo?“
„Soeben (legt den Arm um sie) umfaßte die linke Flanke,
„Genug, Theo!“ |
Von Kissingen aus unternahm er 1889 auch seinen Ausflug nach Bayreuth.
Beim Hexenmeister. Willkommen und Abschied
Es schlug mein Herz, geschwind zum Zuge!
Wie tropften Mantel, Schuh' und Hosen,
So bläst es einst zum Weltgerichte!
Schad' bleibt's um Kundrys Zaubergarten |
Bekanntlich hat Fontane diesen Ausflug auch in Briefen drastisch beschrieben. Die Parsifal-Ouvertüre, die ihn vertrieb, beginnt allerdings nicht mit Tubablasen, sonder piano. Das Blech dominiert erst im Mittelteil. Man muß annehmen, daß der Besucher, der sich von Berufs wegen auf künstlerische Effekte verstand, durch das allmähliche Vorrücken der Bläser geängstigt wurde. Das Gedicht überrascht nur insofern, als es formal eine Goethe- Parodie darstellt. Ein besonderes Attachement Fontanes für die Sesenheimer Lyrik war bisher nicht belegt.
Künstler kennen sich gut - das merkt man an der Art, wie sie übereinander schreiben. Auch Fontane hat den Bayreuther „Hexenmeister“ und den königlichen „Nordlichtern“ nichts geschenkt. Ein sorgfältig linierter Bogen ist „Einzug der Münchner Geschichtsprofessoren“ in die Walhalla überschrieben. Der kundige Leser denkt sofort an den „Kunst-fex“ Innstetten (HF I, 4, 37) und an die 1888 entstandene Ballade „Walter Scotts Einzug in Abbotsford“, der Dichter hat sich das Gedicht aber anscheinend als eine Art lyrisches Dramolett vorgestellt. Pikant ist sein Einfall, den Professoren bereits während ihrer Amtszeit Einlaß zu gewähren. Möglicherweise hielt er es auch poetisch nur für schwer glaubhaft zu machen, daß man sich ihrer nach der Emeritierung und weiteren Unvermeidbarkeiten noch erinnern würde. Klio führt den Zug der Gelehrten an, die ihre Talare ordentlich (nicht wie manchmal bei Antrittsvorlesungen schief) umgehängt haben. Felix Dahn spricht eine Art Inneren Monolog:
Mein Cethegus, der macht Realpolitik
Und eint Italien in einem Stück.
Auch mit dem Papst legt er sich an,
Weil man nicht alles glauben kann.
Doch wird ihm die Sache zu schwer
In Ermangelung von Militär.
Wilhelm Heinrich Riehl denkt an eine neue kulturgeschichtliche Novelle, für die er ein weiteres Mal den bewährten Titel „Land und Leute“ verwenden will (vgl. auch Fontanes Reisebriefe vom Kriegsschauplatz, HF II, 5, 349 f.), an den Gegensatz von Mann und Weib, die soziale Ungleichheit als ewiges Naturgesetz im Leben der Menschheit und reimt probeweise „Lilie“ auf „Familie“. Eine von einem Kaplan geführte, in Trachten gekleidete Wallfahrergruppe respondiert am Wegrand: „Und führe uns nicht in Versuchung, / Sondern erlöse uns von dem Sybel“, wird aber von den Kehllauten in Bärenfelle gekleideter Männer übertönt:
Wir Goten sind nicht nur Germanen,
Wir sind auch des Kaiserreichs Ahnen.
Wir geben dem dorischen Tempel
Den vaterländischen Stempel,
Und mißfalln wir den bayrischen Leut',
Dann ziehn wir halt gleich nach Bayreuth.
Vermutlich ist Fontane Ludwigs I. Buch Walhallas Genossen zugänglich gewesen, in dem dieser die Stämme der Völkerwanderung, Ost- und Westgoten, Vandalen, Heruler und Gepiden, zu den Deutschen gezählt hatte. Die genannten Professoren waren ihm persönlich bekannt, Dahn bereits aus dem „Tunnel“. Gleichwohl bleibt seine Imaginationskraft erstaunlich. (Man muß bedenken, Wagner lebte Anfang 1859 noch in Venedig und Ein Kampf um Rom ist erst 1876/78 erschienen.) Wie der Dichter von seinem Vater, so möchte der Herausgeber von seinem Dichter sagen: „Wo er alles herhatte, ist mir rätselhaft.“
Aber wir verzichten auf weitere Einzelheiten und wenden uns statt dessen noch einmal dem Thema „Fontane und Bayern“ im Zusammenhang zu. Lediglich ein 1850 entstandenes Gedicht über Von der Tann hat Fontane selbst veröffentlicht, und ein 1998 von Rudolf Muhs wiederentdecktes Huldigungsgedicht feiert in Gestalt der preußischen Königin Elisabeth zugleich die geborene Prinzessin von Bayern. In seinem Einladungsbrief an Fontane nach München vom 11. Februar 1859 erneuerte Heyse seinen nun vier Jahre zurückliegenden ersten Vorschlag. Es sei „des Königs Lieblingswunsch, eine stattliche Reihe bayrischer Balladen entstehen zu sehn“, und der Freund sei „besser als irgendein lebender oder längst begrabener Poet“ geeignet, diesen Wunsch zu erfüllen, vorausgesetzt, daß, wie Heyse hinzufügte, „Du einige Jahre die Wohltat bayrischer Bergluft und möglichster Sorglosigkeit genössest“. Dieser Anregung verdankt mithin auch die vorliegende Publikation ihre Entstehung. Freilich läßt sie weit eher den unermüdlichen Fleiß des Verfassers als Entspannung in alpiner Atmosphäre vermuten.
An seine Mutter schreibt Fontane am 3. März 1859 aus München, eine „Stellung wie die um die es sich jetzt handelt“, sei ihm „früher oder später so gut wie sicher“, wenn er sich dazu verstehen könne, „einige Vorgänge der bairischen Geschichte in Balladenform zu behandeln“. Und er fügt hinzu, „im nächsten Herbst, gestützt auf dann vorliegende Arbeiten“, würde der König Entscheidungen treffen können (HF IV, 1, 656). Zu diesem Zeitpunkt scheint er noch immer unentschlossen, dann aber haben nicht mehr rekonstruierbare Vorgänge Fontanes Schaffenslust zunächst geweckt und dann erlahmen lassen. Zu einer Publikation kam es jedenfalls nicht.
Auf dem letzten Blatt des Konvoluts, von links und rechts oben schräg eingefügt, befinden sich nur unvollständig leserliche Notizen, die motivisch überaus vage anmuten. Euphorisch und unkontrolliert, wie sie sind, lassen sie es für möglich erscheinen, daß der Dichter seiner bayrischen Sendung unter dem Einfluß dunklen Bieres untreu geworden ist, wie er es in München kennengelernt hat, anscheinend aber auch später in Berlin noch konsumierte. „Drei Seidel“, heißt es vielsagend in Effi Briest, „beruhigen jedesmal.“ (HF I, 4, 289) Jeglicher metrische und strophische Rekonstruktionsversuch kann unter den gegebenen Umständen nur ein Notbehelf sein. Die Fliehkraft der Gedanken sprengt den hermeneutischen Zirkel.
Amphitrite
Im Kopf lebt das Balladenland,
Schön ist das Meer und sagenlind,
Sie sollen es nicht haben, |
An dieser Stelle, wo es heute lauten müßte, „entfiel dem Meister die Maus“, entfiel ihm damals die Feder. Honi soit qui mal y pense.
* Im Text erweiterte, im Kommentar gekürzte Fassung der Erstveröffentlichung in: Fontane-Blätter, Heft 71 (2001)